Dokumentarisches Theater: Expedition zu einem Mord

SCHAUSPIEL "Der Kick" von Andres Veiel und Gesine Schmidt in Bochum Dokumentarisches Theater über ein Verbrechen und seine Vorgeschichte

BOCHUM · In der Schlagzeile liest sich das einfach: Neonazis prügeln Jugendlichen tot. Aber jedes Verbrechen hat eine Geschichte. Auch der Mord an Marinus Schöberl am 12. Juli 2002 in Potzlow, dem Dorf in der Uckermark. Die Täter waren keine Fremden, sondern Freunde. Erst haben sie zusammen getrunken, dann kam der tödliche Ausbruch von Gewalt. Der Dokumentarfilmer Andres Veiel und die Dramaturgin Gesine Schmidt haben aus Protokollen und Interviews mit allen Beteiligten ein Theaterstück gemacht: "Der Kick". Sibylle Broll-Pape hat es am Bochumer Prinz-Regent-Theater inszeniert.

Das Stück ist eine erschreckende Expedition in eine Gegend, die außerhalb der öffentlichen Aufmerksamkeit steht. Die Methode kennt man seit Peter Weiß' "Die Ermittlung", das die ersten Auschwitz-Prozesse auf die Bühne brachte.

Das Dokumentartheater funktioniert in Bochum gut. Drei Darsteller übernehmen rund 20 Rollen. Sie sind in weiße Hemden und Blue Jeans gekleidet. Nur durch Tonfall, Körpersprache und Gestik kennzeichnen sie die jeweilige Person. Gerade noch beteuert Doris Plenert in breitem Brandenburgerisch und mit selbstmitleidigem Nöhlen: "Wir haben nischt gemacht, wir sind keene Mörder." Bieder sitzt sie da, klammert sich an den Arm von Udo Thies, der ihren Mann spielt: Jutta Schönfeld, die Mutter zweier Täter. Dann wechselt sie auf einen anderen Stuhl, knetet, faltet, zieht in ruhelosen Händen ein Taschentuch immer und immer wieder durch. Sie erzählt von Marinus, und ist nun die leise Mutter, die um einen toten Sohn trauert.

Es fordert Anstrengung, diesem statischen Theater zu folgen. Keine großen Gesten lockern das Geschehen auf. Da tippt Thies höchstens mal auf einer Schreibmaschine, wenn er als Verhörender Tobias Novo befragt, der die Jugendlichen spielt. Alle Darsteller sprechen ins Publikum, selbst wenn Novo aussagt, nimmt eine Live-Cam das auf und projiziert es frontal in Schwarz-Weiß auf die Leinwand hinter der Bühne. Sonst sind da idyllische Landschaften zu sehen und manchmal eine öde Straßenkreuzung, ein verfallener Bauernhof. Die Neutralität dieser Bilder trägt die Gewalt, von der der Text handelt.

Viele Momente bilden mosaikartig die Tat ab. Es ist eine soziale Wildnis, in der diese Tat herankeimte. Extrem hohe Arbeitslosigkeit, überforderte Erwachsene, Perspektivlosigkeit. Mit elf bekam Marcel, einer der Täter, seinen ersten Schnaps. Ein Kasten Bier hält für vier eine Stunde lang. Dann gibt's einen neuen, mit ner Flasche "Goldi Goldbrand". Ausländer leben nicht in Potzlow, da macht man sich welche.

Das Stück weitet sich zum Panorama einer abgeschlossenen kleinen Welt voller Aggressionen. Großartig spielt Thies einen Ausbruch von Jürgen Schönfeld, der arbeitsunfähig ist und wegen 14,35 Euro, die seine Frau zuviel an Rente hat, keine Unterstützung bekommt, der sich an die DDR erinnert. "Wir konnten überall hinfahrn, Papa hat gut verdient." Da verkrampft er sich, und die Stimme schwillt von Wut, aber sie entlädt sich nicht im Schrei. Marinus' Freund möchte mit der Bierflasche zuschlagen, selbst Marinus' Mutter zeigt ausländerfeindliche Affekte. Und Schönfelds sehen ihre Söhne mehr als Opfer, betonen immer wieder, dass die niemandem etwas tun konnten, dass die gut erzogen wurden.

Broll-Papes Inszenierung ist sehr genau. Wo der Text Ausflüchte zulässt, da schärft die Regie die kritischen Momente. Die Schauspieler treiben ihre Figuren nie in die Karikatur, selbst die Neonazibraut darf nett wirken, wenn sie über ihre Verliebtheit spricht. Aber sie überzeichnen doch so, dass dem Zuschauer Distanz möglich ist. Das ist der Vorteil dieses dokumentierenden Ansatzes: Selbst die schlimmen Details der Tat kommen zur Sprache, ohne dass blutige Action die Fakten überblendet. Auch im Schrecken bleibt der Verstand des Zuschauers eingeschaltet.

Ein wichtiges Stück in einer mustergültigen Inszenierung.

Quelle: Soester Anzeiger, Meldung vom 12.11.2005
Prinz Regent Theater Bochum