US-Nazijäger lassen auch heute nicht locker

Washington(dpa) - Für Eli Rosenbaum war es eine Zeit besonderer Genugtuung - jene Tage, als er im Zuge seiner Ermittlungen eine Probe von den Überresten Josef Mengeles im Schreibtisch hatte. Das sei eine »angemessene postume Erniedrigung« für den berüchtigten KZ-Arzt gewesen, sagt der Jurist.

Von solchen Begebenheiten zehrt er, sie spornen ihn weiter an, sie sind eine Art Belohnung für all die Jahre mühevoller Arbeit unter dem Leitgedanken »Niemals vergessen«.

Auch 60 Jahre nach den Nürnberger Prozessen gegen 22 der schlimmsten Hitler-Schergen geht die Suche nach Naziverbrechern - meist KZ-Wärtern - weiter, wenn auch weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit. Es sind nicht mehr Namen, die man in den Geschichtsbüchern lesen kann, aber mit denen sich doch für viele Menschen das Grauen verbindet.

Eli Rosenbaum (50) ist sozusagen Amerikas Top-Nazijäger. Er leitet seit zehn Jahren die Abteilung für Sonderermittlungen (Office of Special Investigations, kurz OSI) im Washingtoner Justizministerium. Sie widmet sich seit mehr als einem Vierteljahrhundert der Aufgabe, Naziverbrecher in den USA aufzuspüren und ihre Einreise zu verhindern.

Darüber hinaus hilft OSI bei der Suche und Identifizierung von Nazis in anderen Ländern, wie etwa im Fall Mengele, und bei der historischen Aufarbeitung der Vergangenheit. So arbeitete Rosenbaum an einem Bericht über die Rolle der USA beim Untertauchen des einstigen Ex-Gestapo-Chefs in Lyon, Klaus Barbie, mit. Und es geht auch um gestohlene Güter: Im Laufe der Jahre hatte OSI entscheidenden Anteil an der Sicherstellung von Gold, Kunstwerken und anderen Wertgegenständen, die den Holocaust-Opfern geraubt worden waren.

In erster Linie hat sich die Abteilung aber dem Ziel verschrieben, nach dem Krieg in die USA eingewanderte mutmaßliche Naziverbrecher zu finden, ihnen die amerikanische Staatsbürgerschaft zu entziehen und sie abzuschieben - zumeist in ihre Herkunftsländer. Hier endet die Macht des OSI: Naziverbrecher können nicht in den USA selbst vor Gericht gestellt werden, das fällt nicht in die US-Gerichtsbarkeit.

Etwa 100 Menschen wurde seit der Gründung von OSI 1979 wegen ihrer mutmaßlichen Nazi-Vergangenheit die Staatsbürgerschaft entzogen und der größte Teil dann ausgewiesen. Rund 20, häufig langwierige Abschiebeverfahren sind anhängig. Darin muss das Justizministerium glaubwürdige Beweise dafür vorlegen, dass die betreffende Person gegen Einwanderungsbestimmungen verstieß, indem sie seinerzeit in den Einreiseformularen über ihre Nazi-Rolle log. Mehr als 1500 Ermittlungen sind zurzeit offen, mehr als 1400 wurden im Laufe der Jahre abgeschlossen.

Die Namen von 70 000 Nazi-Kriegsverbrechern stehen auf einer Einreiseverbotsliste, die das OSI-Team zusammengestellt hat. Noch immer wird die aus gut 20 Anwälten und Historikern bestehende Abteilung mindestens einmal im Monat von irgendeinem US-Flughafen alarmiert, wenn einer der Namen auf einer Passagierliste entdeckt wird. Rund 170 Menschen wurden seit 1990 postwendend in die Abflugländer zurückgeschickt.

Angesichts des zunehmenden Alters von Tätern und Opfern, die als Zeugen aussagen könnten, sah es gegen Ende der 80er Jahre so aus, als würde OSI bald dichtmachen müssen. Aber dann kam der Fall der Sowjetunion, und die Öffnung zum Westen bescherte den Nazijägern eine neue »wahre Schatztruhe« an Beweismaterial, wie Rosenbaum berichtet. Fälle, die Jahre lang vor sich hindümpelten, konnten vor Gericht gebracht werden. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum nennt OSI heute das »erfolgreichste Nazijagd-Programm der Welt«.

Aber nun nähert sich die Mission von OSI doch dem, was Rosenbaum selbst als »biologischen Abschluss« bezeichnet. Da immer mehr der Gesuchten sterben, »befinden wir uns wie keine andere Anklagebehörde in einem Wettlauf mit der Zeit«, zitiert ihn die »Washington Post«. Jede Verzögerung heißt für Rosenbaum, dass ein Naziverbrecher friedlich in seinem Bett auf amerikanischem Boden sein Leben beschließen könnte. Aber arbeitslos wird Rosenbaum nicht werden: Er ist damit beauftragt worden, seine Fahndung auf alle in den USA untergetauchten Kriegsverbrecher im Zusammenhang mit Völkermord auszudehnen - vom Balkan bis Kambodscha.

Quelle: Ostthüringer Zeitung
Meldung vom 20.11.2005, DPA